Wie steht es geschrieben am mächtigen Verderberhaus am Retzer Hauptplatz? „Alles mit der Zeit“. Ich habe jedoch das Gefühl, die Zeit drängt. Sie tickt zunehmend schneller – fast könnte man meinen, die Zeit selbst macht Stress. Es ändert sich das Klima, es ändert sich die Gesellschaft, es ändert sich das Konsumverhalten; alles ist laufend im Wandel.
Es hat nun ohnehin 54 Jahre gedauert, bis ich damit begonnen habe, meine Gedanken und die gesamte Geschichte rund um die große Epoche des Gurken- und Gemüseanbaus in der Region Znaim und Retz niederzuschreiben. Der KI sei Dank! Zumindest hilft sie mir dabei, meine Texte zu veröffentlichen und mich in meiner Kreativität zu unterstützen.
Schon vor Jahren hatte ich meinen Vater – den Gründer unserer heutigen Einlegerei – gedrängt, ersucht, gebeten, ja fast schon dazu aufgefordert. Allein die damalige Konzession „Einlegen von Gurken und Marinieren von Roten Rüben“ klingt nach einer einmalig spannenden Geschichte. Oder wie er auf gut Glück, mit einer Landkarte in der Hand und einem mit 5-Liter-Gläsern beladenen Traktoranhänger, übers Land fuhr und erst heimkehrte, wenn alles verkauft war. Ein Wahnsinn, dieser Aufwand! Dass er im Alter keine Motivation mehr aufbringen konnte, das alles niederzuschreiben, ist rückblickend völlig verständlich. Allein die Tatsache, dass er am 1. August 1976, beladen mit Gemüse aus dem burgenländischen Seewinkel, noch über die Wiener Reichsbrücke fuhr – nur wenige Stunden bevor diese einstürzte –, muss einfach erwähnt werden.
Seid mir bitte nicht böse, dass all das Wissenswerte noch nicht perfekt strukturiert ist, aber wie schon gesagt: „Die Zeit drängt“.
Darum lasst mich beginnen, die historische Bedeutung der Gurke festzuhalten. Schon um 1870, als Znaim an das Eisenbahnnetz angeschlossen wurde, waren Gurken eine überlebenswichtige Einnahmequelle: für bis zu 10.000 Bauernfamilien, rund 200 Händler und etwa 1.000 Beschäftigte in den rund 100 Gemüseverarbeitungsbetrieben der Region Znaim-Retz. Ich erwähne das heute deshalb, weil ich mittlerweile der letzte österreichische Einleger aus dieser großen, traditionsreichen Zunft bin. Zuzana Boudová und Otto Bouda sind meine geschätzten Kollegen – und die allerletzten ihrer Branche in Znaim.
Es hat sich in den letzten Jahrzehnten also wahnsinnig viel getan. Für alle, die es genauer wissen wollen, empfehle ich den Wikipedia-Eintrag über die Znaimer Gurke. Zwar gibt es heute die Rohware in dieser Form vor Ort nicht mehr und wir sind als kleine Betriebe auf andere Anbaugebiete angewiesen – aber gemeinsam mit Zuzana und Otto sind wir leidenschaftlich bemüht, die traditionelle Einmachart und die Liebe zum Handwerk aufrechtzuerhalten. Unser Ziel ist es, noch viele weitere Freunde für das ehrliche Eingelegte im Glas zu begeistern.
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